
Mit einem theatralischen Auftritt eröffnete Christine Jaeggi die Lesung aus ihrem neuen Buch im vollbesetzten Restaurant Industrie. Im Dunkeln schlich die Autorin, gekleidet als Meisterdiebin und nur mit einer Taschenlampe ausgerüstet, durch die Reihen und zog die Gäste sofort in ihren Bann.
Der Roman erzählt, basierend auf einem wahren Kriminalfall, die fiktive Geschichte von Elise, einer wohlhabenden Jüdin. Auf ihrer Flucht vor dem NS-Regime in die Schweiz wird sie ihres Vermögens beraubt und erhält keine Arbeitsbewilligung. Aus der Not heraus, aber mit viel Geschick, beginnt sie Raubzüge in Schweizer Luxushotels. Ihre Opfer sind gezielt ranghohe Gestapo-Offiziere, und die Taten werden für sie zu einem Akt der Rache und Genugtuung.
Nach den ersten gelesenen Passagen, die für andächtige Stille sorgten, übernahm die Moderatorin Heidi Fedeli. Im Gespräch offenbarte Jaeggi, dass die Idee zum Roman bei der Recherche für ein früheres Werk entstand. Sie stiess auf einen Zeitungsartikel über Erika Böhm, die historische Figur hinter der Diebstahlserie, die Schweizer Luxushotels ab 1936 zehn Jahre lang in Atem hielt. Die sorgfältige Aufarbeitung von Akten und Zeitungsberichten bildete das Fundament, auf dem die Luzerner Schriftstellerin ihre Geschichte kunstvoll aufbaute. Ihr lebendiger und vereinnahmender Vortrag bewies eindrücklich ihre grosse Erzählkunst.
Luis Luder